Mit Verständnis, Wertschätzung und Empatie mit demenziell erkrankten Menschen leben und arbeiten

 

»Seltsam, im Nebel zu wandern!«

Mit diesen Worten beginnt Hermann Hesse sein Gedicht »Im Nebel« von 1905. Es handelt von Einsamkeit, Dunkelheit und dem Gefühl des Verlorenseins. Poetisch zeichnet Hesse eine Gefühlswelt, in der sich auch demenziell erkrankte Menschen häufig gefangen fühlen. Doch auch wenn sich der Nebel nicht dauerhaft vertreiben lässt, können Angehörige und Pflegepersonal mit symbolischen Wegweisern etwas Sicherheit geben.

Der Begriff Demenz leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet so viel wie „weg vom Geist“ bzw. „ohne Geist“. Ein wesentliches Merkmal der Erkrankung ist der Verlust der kognitiven Fähigkeiten. Was mit Lücken im Kurzzeitgedächtnis beginnt, kann bis zum Ausfall des Langzeitgedächtnisses führen. Die Betroffenen verlieren so zunehmend jene Fertigkeiten, die sie sich im Laufe ihres Lebens angeeignet haben.

Furcht scheint auf diesen Umstand die natürlichste Reaktion. Bis zu 1,5 Millionen Menschen sind in Deutschland laut Bundesministerium für Gesundheit an Demenz erkrankt. Hochrechnungen ergeben, dass sich diese Zahl bis 2050 verdoppeln wird. Die Forschung kann bisher weder die Frage nach den Ursachen umfassend beantworten, noch kennt sie sichere Wege, um die Krankheit zu verhindern oder gar zu heilen. Das macht Demenz und den Umgang mit der Krankheit zu einem Thema von hohem gesellschaftlichem Interesse.

Auch wenn sich die Angebote der einzelnen Einrichtungen unterscheiden, in ihrer Überzeugung sind sich alle Häuser einig: An erster Stelle steht der Anspruch, die Würde der Betroffenen jederzeit zu wahren. Dazu gehört unbedingt, den erkrankten Menschen wertschätzend zu begegnen sowie das Erhalten und Fördern eines positiven Selbstwertgefühls.

Das Einbeziehen des sozialen Umfelds mit all seinen Fragen, Ängsten und Herausforderungen ist dabei ein wesentlicher Teil der Arbeit. Neben einer hohen fachlichen Kompetenz, muss das Pflegepersonal sowohl emotionale Stärke als auch ein hohes Maß an Empathie mitbringen. Die Ängste der Erkrankten äußern sich nicht selten auch in Wut, Beschimpfungen und aggressivem Verhalten.

Es ist wichtig, sich immer wieder in die Situation der Erkrankten hineinzuversetzen:

Logische Argumente werden von ihnen nicht verstanden, wieder vergessen oder ergeben keinen Sinn. Auf der Gefühlsebene jedoch lassen sich Sicherheit und Verständnis durchaus kommunizieren. Doch bei allen Herausforderungen können Betroffene, Angehörige und auch die Pflegenden viel Wärme, Tiefe und auch Humorvolles erleben. Schlüssel zu einem gelingenden Umgang mit den Erkrankten ist die eigene Präsenz und Authentizität.

 

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
kein Baum sieht den anderen,
jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
als nicht mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
der nicht das Dunkel kennt,
das unentrinnbar und leise
von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamkeit.
Kein Mensch kennt den andern,
jeder ist allein.

Hermann Hesse, November 1905

 

Demenz – wenn der Nebel dichter wird
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